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In seinem Schatten

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04.07.26 21:57
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Ich habe geträumt von ihm. Heute Nacht. Groß, kräftig, harmonisch schön gewachsen stand er vor mir und schien mich anzulächeln. Aus allen seinen Poren strömte unbändige Lebenskraft, die auf mich abfärbte und meinen traurigen schwermütigen Gedanken ihre Schärfe nahm.

Es war ein glühend heißer Sommertag. Unbarmherzig brannte die Sonne ihre Strahlen in meine Haut. Ich suchte Schutz in seiner Nähe. Sein Schatten nahm mich auf und versprach mir verheißungsvolle Kühle. Ich ließ mich nieder im satten Gras und lehnte mich an ihn. Ich spürte seine raue Oberfläche an meinem Rücken. Ein leiser Schmerz war fühlbar, und doch konnte ich mich seinem Schatten nicht entziehen.

Müde war ich vom suchenden Umherirren in diesem kleinen Dorf am See, wo ich geboren und aufgewachsen war. Auf den Spuren meiner Wurzeln. Alles hatte sich so verändert. Das Haus meiner Kindheit gab es nicht mehr. Längst abgerissen und Teil des Nachbarhauses geworden. Die Schule, in der ich einst gelernt, geweint, gehofft, gelitten und geträumt hatte, umfunktioniert in ein Museum. Die Kirche stand noch da wie ein unerschütterlicher Fels in der Brandung. Erinnerungsschwer tauchen Bilder in mir auf. Predigten von Hölle und Verdammnis, mit donnernder Stimme von der Kanzel herabgeschleudert auf das zum Glauben verpflichtete Volk. In mir lösten diese Sätze Angst aus, kaum hinweggetröstet von den Worten meiner Mutter, man müsse nicht alles glauben, was von einem Pfarrer gesagt würde.

Ich atme ein. Ich atme aus. Auf meinen Atem konzentriere ich mich. Will von den verstörenden Bildern der Vergangenheit nicht in den Strudel auswegloser Verzweiflung gezogen werden. Ich drücke meinen Rücken fester an ihn, ich will ihn spüren, ganz tief und fest. Auch den drückenden Schmerz. Auch der ist Leben. Und ich suche das satte pralle pulsierende Leben in seinem Schatten. Hier fühle ich mich sicher, geborgen, geerdet, verwurzelt, als wäre ich ein Teil von ihm.

Lange sitze ich so da. Die Leichtigkeit des Seins in mir. Hoffnungsfrohe Gedanken, die ihre Kreise ziehen und dem Tod seinen Stachel nehmen.

Ich kann nicht bleiben. Ich muss meiner Stimme folgen, die zum Aufbruch drängt. Zurück in mein gegenwärtiges Leben, das in einer anderen Tonart gespielt werden will. Die Sonne zieht sich zurück. Die Strahlen verlieren allmählich ihre brennende Kraft. Die Schatten werden länger. Die Zeit fließt unaufhaltsam dahin. Ich tauche auf aus meinen Erinnerungen. Ich tauche auf aus meinem Traum.

Als ich längst wach bin und meinen morgendlichen Kaffee trinke, sehe ich ihn noch immer vor mir, den Baum, den ich mithilfe meiner Großmutter im zarten Alter von neun Jahren gepflanzt habe. Ein zartes Bäumchen. Vom Fenster aus konnte ich zusehen, wie er wuchs und wuchs, wie er sich Raum nahm, wie er sich in alle Richtungen ausbreitete und mit den Nachbarbäumen berührend Kontakt aufnahm. Ich war so stolz auf ihn. Wir wuchsen um die Wette. Irgendwann wuchs er über mich hinaus. Und das war gut so.

 

 

 

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Autor

Antigones Profilbild Antigone

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Sätze: 43
Wörter: 518
Zeichen: 2.951

Kurzbeschreibung

Traum und Wirklichkeit

Kategorisierung

Diese Story wird neben Vermischtes auch im Genre Nachdenkliches gelistet.