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| Sätze: | 82 | |
| Wörter: | 664 | |
| Zeichen: | 3.858 |
Morgendämmerung. Im Bett daneben der schnachende Mann. Er ist nur hier, weil er ansonsten weitersuchen hätte müssen. Eine Existenz. Nach dem Krieg. In verdammt kargen Zeiten. Sein Vater hatte ihm gesagt: Ich kann dich nicht gebrauchen. Habe weder Arbeit noch Essen für uns alle.
Eigentlich wäre sie Lehrerin geworden. Dann ist der Bruder gestorben, in jungen Jahren, ihr ist der Hof geblieben. Sie hat sich daran gewöhnt.
Sie steht auf. Füttert Kühe und Schweine. Melkt die ersten Milchstrahlen in ein Schüsselchen für die Katzen. Öffnet die Tür vom Hühnerstall. Der Mann ist spät dran, er nimmt die Mistgabel und entfernt die Kuhfladen. Zwischendurch wird Kaffee getrunken, jeder, wenn er gerade kann. Das Reindl mit Malz-und Gerstenkaffeegemisch steht am Rand des Wirtschaftsherdes. Am Sonntag kommt ein Löffel Bohnenkaffee dazu. Die Altbäuerin hat eingeheizt, Wasser und Milch zugestellt, den Kaffee aufgegossen. Dazu ein Stück Brot, wer will, kann Marmelade darauf streichen.
Die Kinder müssen zur Bahn. Zeitig ist das, der Zug hält hier um viertel nach sechs. Sie hat alle Hände voll zu tun. Arbeitshände, die tagsüber nach dem Beifutter für die Schweinemast riechen. Ein, zwei Hände voll für jeden Kübel mit Gerstenschrot. Handschuhe sind Luxus. Unter den Fingernägeln setzt es sich fest. Der Geruch erinnert an Fischmehl, ekelhaft. „Kraftfutter“ wird es genannt, man bekommt es im Lagerhaus. Die Schweine wachsen dann schneller.
An Winterabenden sitzt sie an der Strickmaschine, strickt die schönsten Westen und Pullover. Oder näht den Kindern Kleider. Wenn der Winter sich dem Ende zuneigt, werden Weinstöcke veredelt. Sie wachsen. So gut wie alle. In der Waschküche werden sie vorgetrieben, so um Ostern. Ein winziger Eisenofen heizt den großen Raum. Dann werden sie eingeschult.
Die Obstbäumchen sind bereits veredelt. Der Februar ist günstig dafür. Aber dann, im späten Juni, da werden noch Rosen geäugelt. Die „Äugeln“ erbittet man von Nachbarn, in deren Vorgärten schöne Blüten locken. Sie wachsen. Blühen. Stehen als Bäumchen mit üppiger Pracht vor den Fenstern. Alles gedeiht. Das alte Wissen trägt Früchte. Die Hände sind geübt und erfahren. Jeder Schnitt sitzt. Jedes Ineinanderschieben „quietscht“, also geschieht mit Druck. Eine innige Verbindung. Von Menschenhand. Nach Gottes Vorbild: behüten, pflegen, gestalten. Die Urkraft in sich gespeichert. Fähig, sich selbst zu erhalten, zu erzeugen, was man braucht. Für jede Jahreszeit. Unter Einsatz der eigenen Kraft, ohne Rücksicht auf Verluste. Irgendwann werden die Füße träge, die Arme kann sie nicht mehr heben. Arthritis lässt die Fingergelenke unförmig werden. Abnützungen in den Kniegelenken. Aber das ist der Lauf der Zeit. Das nimmt sie hin. Schmerz spürt sie nicht. Den Arzt sieht sie selten.
Sie pflanzt Gemüse auf dem Acker, gießt spärlich, denn das Wasser muss dorthin mitgenommen werden. Kilometerweit. Alles wächst. Trägt Früchte, zahlreich und schmackhaft. Sie kommt nicht dazu, die Pflanzen penibel zu pflegen. Wildwuchs darf sein. Vieles darf teilhaben, sich entfalten. Überall Blumen zwischen den Kulturen. Astern, Zinnien, Tagetes, Chrysanthemen. Der Erfolg gibt ihr Recht.
Das Leben ist einfach. Sie lebt gerne. Strickt im hohen Alter Sommer und Winter hindurch. Nicht mehr so schön wie früher. Aber mit Ausdauer. Bewundernswerter Kraft. Man braucht nicht viel. Nur Beschäftigung und ein paar Hausgenossen, die verlangen, dass man jeden Morgen aufsteht, die Tür zum Hühnerstall öffnet und die Schüssel der Katzen mit Futter füllt. Schaut, wie das Wetter ist. Jeden Tag.
Glück bedeutet, dass kein Unglück geschieht. Glück bedeutet Kinder zu haben, die vorbeischauen, eine Katze im Bett, einen Vorrat an Lebensmitteln. Die Hände sind noch jung, auch wenn die Füße nicht mehr so recht wollen, sagt sie. Das genügt. Den Menschen von damals.
Den Menschen von heute längst nicht mehr.
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Musenzeit • Vor 9 Stunden und 9 Minuten | |||
| Du erzählst mit sehr viel Einfühlungsvermögen - sehr berührend und bildstark! 🥰 Die ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ erstmal wegen des Limits hier auf diese Weise! 🙂 GLG | ||||
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Anatolie • Vor 9 Stunden und 32 Minuten | |||
| Das sind die Geschichten mitten aus dem Leben, wie ich sie liebe. Ich verspüre eine starke Ehrfurcht vor solchen Menschen, die hart arbeiten müssen aber mit der Natur leben. Es hat im entfernten Sinne sogar etwas Biblisches. "Im Schweiße eures Angesichts ...". Und trotzdem klingt das irgendwie versöhnlich. Die Arbeit trägt Früchte. Heutzutage gibt es viele "fruchtlose" Jobs ... | ||||
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Leara (Autor) • Vor 14 Stunden und 12 Minuten | |
| Vielen Dank , liebe ros-springschitz! | ||
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Henriette • Vor 21 Stunden und 52 Minuten | |||
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So war auch meine Tante Henny (deren Namen ich trage). Immer still und bescheiden, stets etwas in der Hand, auf dem Arm. Schwere Milchkannen, 11 Urenkelkinder. Ich war ihr viertes Kind, nach ihren zwei eigenen, dann meinem Vater (ihrem 18 Jahre jüngeren Halbbruder). Dann nahm sie auch mich, weil meine Eltern noch kein "Nest" hatten. Tante Henny wurde 103 Jahre alt. Ihr letztes Lebensjahr verbrachte sie fast ausschließlich schlafend im Bett. Sie hatte die Ruhe verdient. Sie sagte: "Der Herrgott will mich noch nicht." Ihr "großes Herz" war zu stark. Deine Geschichte habe ich mit großem Interesse gelesen und vieles wiedererkannt. 👍🏼 Mehr anzeigen |
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Eowin • Vor 2 Tagen, 20 Stunden und 28 Minuten | |||
| Liebe Leara, deine schöne Story entführt in eine Welt, die mich an das arbeitsreiche Leben meiner eigenen Großmutter drinnert. Die Menschen haben damals hart gearbeitet und waren trotzdem zufrieden. 🌻🩷 | ||||
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lavoce • Vor 3 Tagen, 3 Stunden und 16 Minuten | |
| Wunderbar athmosphärischer Text!👌 | ||
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ros-springschitz • Vor 3 Tagen, 6 Stunden und 8 Minuten | |
| ein sehr starker text! ein toller einstieg! lg | ||
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Leara (Autor) • Vor 3 Tagen, 6 Stunden und 34 Minuten | |
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Nur so zum Einstieg ein älterer Text, habe derzeit sozusagen "Hitzeferien" von meinen Außenaktivitäten, da wollte ich hier den Einstieg probieren. Grüße an alle, die mit mir hier unterwegs sind! Leider ist die Möglichkeit, Kommentare abzugeben und zu bewerten der Anzahl nach pro Tag limitiert. Daher konnte ich nicht, wie ich wollte. Ich hoffe, ich schaffe es, nach und nach alle nachzuholen. Danke an alle, die in den letzten Tagen mit wohlwollender Begeisterung einander geholfen haben! |
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